Steine2halb
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Sie kommen durch den kurzen Flur direkt in das Wohn-Arbeitszimmer, er uralt und gebrechlich, sie klein und stämmig, mit spitzer Höckernase und neugierigem Blick, den sie über uns gleiten lässt.
Die Frau scheint Ende sechzig zu sein. Sie trägt hohe schwarze Lederstiefel und einen dicken braunen Wintermantel, der bis an die Stiefel herunterhängt, so dass sie aussieht wie eine kleine Glocke mit einem langen Klöppel.
Sie schiebt den Rollstuhl geschickt vor sich her.
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Steine
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Die grauweißen Haare des Mannes sind über der hohen Stirn zur Seite gekämmt und er trägt einen Schlips unter der grauen Strickweste.
Seine Augen sind noch immer jung, obwohl sein Gesicht ansonsten so aussieht, als hätte es nicht nur den einen Weltkrieg erlebt. Sein Händedruck ist fest und warm.
„Ich habe gerade Kaffee gekocht,“ sagt er.
Wir gehen in ein winziges Wohnzimmer, das wie ein Arbeitszimmer eingerichtet ist. Auf dem Tisch steht ein angejahrter  Dell-Laptop, daneben liegt eine große Lupe. Überall häufen sich Papiere.  Auf dem Schränkchen und an der Wand entlang stapeln sich Zeitschriften und Bücher. Gesteinsbrocken in allen Größen und Farben liegen auf der Fensterbank.
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Gregghalb
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Der S.,  mit dem wir verabredet sind, lehnt am Schaufenster des Plattenladens.
Links vom Eingang ist das Glas teilweise mit weißem Klebeband verklebt.
Es sieht aus, als hätte jemand versucht, die Scheibe einzutreten.  Das Muster der weißen Sprünge im Glas erinnert an ein Spinnennetz.

Ich registriere, dass der S. eine etwas zu enge Lederjacke trägt, darunter einen Kapuzenpullover, schwarze Jeans und ebenso schwarze Doc-Martens-Stiefel.
Der athletische, schlanke Körper hätte auf ein Alter von etwa Anfang dreißig schließen lassen, doch die rot unterlaufenen Augen mit den hervortretenden Tränensäcken bestätigen eher die Richtung fünfzig – was meines Wissens stimmt.
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Cafehalb
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Die E. hält das Auto an der Bushaltestelle vor dem Haus an, und als ich aussteige, sehe ich, dass auf der anderen Seite der Straße ein neues Cafe eröffnet hat. Hell, leuchtend und modern.
Vielleicht gibt es das aber auch schon länger und ich habe es nur noch nicht bemerkt.

Hinter der großen Fensterfront sitzen junge Menschen auf Barhockern. Sie tragen Rollkragenpullover, Nerd-Brillen und Beanies. In den Händen halten sie ausländische Zeitungen, „The Guardian“ etwa oder „Le Monde“.
Einige haben MacBooks auf ihren Tisch gestellt oder bunte Einkaufstüten auf den Boden.
Manche von ihnen starren jedoch einfach nur mit großen weißen Kaffeebechern in den Händen nach draußen in den Regen.
Vielleicht machen sie sich Gedanken darüber, ob sie tatsächlich das richtige Nebenfach gewählt haben, den passenden Club, das angesagte Designersofa, den perfekten Freund, die adäquate Freundin und die richtige Firma für das Praktikum.

„Wrong turns are as important as right turns. More important, sometimes.“ (Richard Bach)

Kinocentralhalb
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Das Kino heißt „Central“, und allein die Existenz einer derartigen Einrichtung in dieser verregneten Stadt in der tiefsten Provinz ist ebenso überraschend wie die Programmgestaltung.
Offenbar findet während des Herbstes etwas statt, das unter der Bezeichnung „Qualitätsfilmfestival“ fungiert, und als wir entdecken, dass in gut fünf Minuten die Vorführung von „KAOS“ der italienischen Brüder Taviani stattfinden wird, gibt es keinen Grund mehr zum Überlegen.
Wir betreten den kleinen Saal genau in den Moment, als das Licht herunter gedreht wird, aber es bleibt noch Zeit, den Rest des abendlichen Publikums mit einem Nicken zu begrüßen.
Dieses besteht aus sechs Personen, bequem auf die hintersten Reihen verteilt: vier Damen und zwei Herren – alle ein wenig in die Jahre gekommen, aber mit dem geläuterten, distinguierten Ausdruck im Gesicht, der bei echten Cineasten zu finden ist, wie wir zufrieden feststellen.
Mit einem Seufzer der Zufriedenheit lassen wir uns in die abgenutzten, roten Plüschsessel sinken.
Unsere Befriedigung wird nicht geringer, als sich herausstellt, dass kein einziger Werbespot gezeigt wird und der Film exakt zur angegebenen Zeit beginnt.
„Es gibt immer noch Körnchen von Qualität in dieser Welt,“ flüstert die E.  und reißt die Tüte mit den Salzmandeln auf.
„Stimmt,“ setzte ich hinzu,„sogar für zwei so blinde Hühner wie wir.“
Wir lachen und halten uns dabei die Hand vor den Mund.

Popolvuhhalb
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Der Z. ist ungefähr wie in den Sechzigern angezogen, und über dem verblichenen Cordsofa im Wohnzimmer hängt ein signiertes Poster einer Rockgruppe, die „Crown Of Creation“ heißt.
Es scheint mir nicht ausgeschlossen, dass der Z. mit einem dieser vier aufmüpfigen Jünglinge mit wüster Frisur und Zottelbart identisch ist, aber momentan bin ich nicht daran interessiert, diese Frage zu vertiefen.
Auf jeden Fall hat der Zahn der Zeit reichlich an dem Z. genagt. Seine Haare sind inzwischen nur noch an den Seiten und im Nacken lang, oben ist er ganz kahl.
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WalrafhalbDie S. ist mittlerweile eine ziemlich kräftige Frau in den Sechzigern.  Ich erkenne sie sofort, obwohl ich sie ungefähr fünfzehn Jahre lang nicht gesehen habe.  Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihr Gesicht nicht zu den alltäglichen gehört. Ganz und gar nicht.
Sie hat dichtes kupferrotes Haar, das mit Hilfe eines dünnen limonenfarbenen Schals zu einer Art Ananasfrisur hochgebunden ist. Dazu markante Züge und grüne Augen in einem Ton, der mich an das Salzwasseraquarium in Lissabon denken lässt. Sie ist gekleidet in eine unbekannte Anzahl bunter Stoffschichten, mit Gesundheitssandalen, einer großen Holzkugelkette und einer aus dickem Leder geschnittenen Umhängetasche. Man kann sich nur sehr schwer vorstellen, dass sie in fünfzehn oder zwanzig Jahren einen Platz in einer Art Altersheim oder einer ähnlichen staatlichen Institution finden würde. Sehr schwer.
Sie steht zehn Meter von mir entfernt im Wallraf Richartz Museum. Seit ein paar Minuten schon schaut sie nachdenklich auf die Klecksographie „Schmetterling mit Gedicht“.
Ich gehe hinüber zu ihr.
„Sei gegrüßt,“  sage ich, „hey…wie schön, dich zu sehen.“
Sie dreht sich herum, sieht mich zwei Sekunden lang an und dann umarmt sie mich, als hätten wir uns erst gestern zuletzt getroffen.
„Meine Güte…,“ ruft sie und lacht laut.  Sehr laut.

Toby 005halb
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Jetzt spürt man, dass Toby allmählich alt wird. 
Früher war er die Treppen hinauf- und hinunter gesprungen, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, mit heftig wedelndem Schwanz und blanken Augen. 
Aber nach und nach wurde aus dem polternden Hopsen ein gemessenes Tappen, wenn er eine Stufe nach der anderen nahm. 
Während er früher aus dem Garten und durch die Diele blitzschnell in die Küche schoss, stößt er jetzt die Tür vorsichtig mit der Schnauze auf. 
Er sieht sich um, als ob er nicht wüsste, wo er eigentlich ist und wenn man ihn dann freundlich ruft, wackelt er träge mit dem Schwanz und begibt sich langsam zu dem hin, der ihm am nächsten ist. 
Er legt seine warme Schnauze in einen Schoß, sieht hoch und wartet. 
Auf irgend etwas.

Forveryounghalb
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Die E. und ich, wir gehen zu dem kleinen Kahn, der kieloben auf dem Gras oberhalb der Wasserlinie liegt. Wir drehen ihn vorsichtig um, und dabei kommen zwei Ruder zum Vorschein, die darunter gelegen haben.
Dann schieben wir das Boot langsam zum Ufer und lassen es zu Wasser. Die E. klettert mit den Rudern an Bord und überzeugt sich, dass es kein Leck hat.
Es wird nämlich nicht mehr so oft benutzt wie früher.
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Katzemelonehalb
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Die B.  wohnt in einer engen Zweizimmerwohnung auf der rechten, also der falschen, Rheinseite. Die Enge resultiert nicht nur aus der relativ geringen Quadratmeterzahl, sondern in erster Linie daraus, dass die Wohnung vollgestopft mit Möbeln ist.  Als wäre sie aus einer Zehnzimmervilla hier eingezogen und hätte vergessen, einiges an Ballast abzuwerfen.  Was in gewisser Hinsicht auch stimmt. (mehr …)