Portraits Frauen/Männer


Eine Zeichnung kann viele Dinge zum Ausdruck bringen: mit wenigen Linien kann sie eine Art visuelle Kurzschrift in einem Skizzenbuch sein oder sie kann helfen, ein Gemälde vorzubereiten.  Aber sie kann auch ein autonomes Kunstwerk sein,  das mit der gleichen Sorgfalt durchdacht und komponiert werden sollte wie zum Beispiel ein Ölgemälde oder ein farbiges Bild.  Manchmal wirkt eine Bleistiftzeichnung,  die genau beobachtete Details,  sowie verschiedene Texturen und differenzierte Tonwertabstufungen aufweist, fast wie eine ganz spezielle,  außergewöhnliche Fotografie.

Das Portrait von Helen war für mich eine besondere und spannende Herausforderung ( zur Großansicht bitte auf die Bilder klicken ).  Helen ist nämlich selbst Künstlerin und malt wunderbar ausdrucksvolle, zumeist kleinformatige Bilder in farbiger Expressivität, wobei immer der realistische Ansatz zu sehen ist.  Ich mag ihre Arbeiten sehr, die oft Obst, Gemüse, frische oder zubereitete Lebensmittel zeigen. Kleine, zumeist unbeachtete Dinge, wie z.B. ein Brötchen, eine halbe Zitrone oder ein Teebeutel bekommen bei ihr eine Präsenz und Ausdruckskraft, dass ich immer wieder staune.

Helen hat dafür eine ganz spezielle Malweise entwickelt, nämlich die „Malerei auf Pizzakarton“. Und das schreibe ich hier jetzt nicht einfach so, denn jedes ihrer Bilder ist tatsächlich auf einem Karton gemalt, auf dem üblicherweise Pizzen transportiert werden. Bestellt man ein  etwas bei ihr, bekommt man einen echten Pizzakarton geliefert….

Wer jetzt neugierig geworden ist, der kann dann mal hier klicken: http://www.malereiaufpizzakarton.de/

„Könntest du wohl mal,“ sagte vor einiger Zeit Wolfgang Becker, Sänger und Gitarrist der Band „Schwarzbrenner“ zu mir, „ein Portrait von Georg Heym anfertigen und zwar im Kontext zu seinen Gedichten?“ Dazu muss ich sagen, dass die Ratinger Band „Schwarzbrenner“ seit vielen Jahren Lyrik des großartigen expressionistischen Dichters Georg Heym vertont. Eine Reihe beeindruckender CDs sind bereits veröffentlicht worden, auf denen es der Band sehr gut gelungen ist, über 100 Jahre alte Lyrik sowohl nachdrücklich rockig, als auch melancholisch bluesig in ein facettenreiches Hörerlebnis zu kombinieren.

„Klar, gern“, antwortete ich, machte mich mit Begeisterung an die Arbeit, suchte in alten Lyrik-Bänden nach Fotos des mit 24 Jahren verstorbenen Georg Heym und las fasziniert in seinen Gedichten. Fotos gibt es leider nur wenige von ihm, denn bereits im Jahre 1912 ertrank er beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er seinem Freund Ernst Balcke das Leben retten wollte.  Als Vorlage wählte ich sodann ein Foto, auf dem er fast kindlich erscheint, mit schwermütigem Blick und akkurat gescheiteltem Haar, perfekt gekleidet in ein dunkles Sakko mit Krawatte.  Als Hintergrund inspirierte mich das Gedicht „Der Krieg“, in dem es in der 2. Strophe heißt: „In den Abendlärm der Städte fällt es weit // Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit. // Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis. // Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.“  Um diese düstere Stimmung zu unterstreichen, benutzte ich nur wenige Farben für das Portrait, nämlich Varianten von wolkigem grau und dazu schwarz,  ein klein wenig mattes Rot und Grün.  Das Bild war dann im Original 50 x 60 cm groß und bekam von mir noch einen breiten schwarzen Rahmen.

Anschließend ließ Wolfgang Becker von diesem Bild bei einer Druckerei eine dreiteilige Kulisse anfertigen, von der jedes Element ca. 1,50 m breit und ca. 2,00 m hoch ist. Die Einzelteile werden bei jedem Auftritt hinter den Instrumenten aufgestellt und vermitteln so dem Zuschauer/Zuhörer einen ersten Eindruck dessen, wer Georg Heym war und machen neugierig darauf, wie „Schwarzbrenner“  ihn und seine Texte mit ihrer Musik in die heutige Zeit transportieren ( zur Großansicht bitte auf das Bild klicken und zu der Band bitte hier www.schwarzbrenner.de).

Und wer jetzt gern einmal „Schwarzbrenner“ hören und sehen möchte, der kann dann mal hier klicken:

Habe ich eigentlich schon ein Loblied auf Pastellkreiden gesungen? Ja oder ja?
Nicht nur, dass Pastellkreiden ausgesprochen vielseitige Zeicheninstrumente sind, weil man mit ihnen ein breites Spektrum verschiedenster Linien und Flächen aufbauen kann, sondern weil man mit ihnen auch jeden noch so knallroten Tomatenfleck oder sanft säuselnden lichtblauen Himmel erzeugen kann.
Und weil man sich mit ihnen ganz ohne Probleme trauen kann, auf einem leeren Blatt  einfach mal so mit dem Malen anzufangen.
Oder zumindest mit dem ein oder anderen Versuch desselben.
Denn dadurch, dass Pastellkreide sowohl zum Zeichnen wie auch zum Malen geeignet ist, finde ich  sie geradezu ideal für Portraits und die Figurenmalerei, so wie ich sie liebe.

Hier in diesem Auftrags-Doppelbildnis habe ich sowohl die weiche Vermalung und Verwischung der Farben gewählt, als auch eine etwas expressivere Strichführung, wie sie z.B. bei den Haaren zu sehen ist. Alle Malutensilien, die ich für dieses Bild benutzt habe, habe ich jetzt mal um das Portrait herum drapiert.
Es sind gar nicht so viele, nämlich zuerst einmal ein paar schon ziemlich runtergerockte Pastells, dazu diverse Farbstifte und Graphitstifte in verschiedenen Härtegraden.
Dann sieht man noch Rötelkreide, einen weißen Pastell-Stift und Zeichenkohle-Stifte.

Überhaupt der weiße Pastell- Stift … erinnerungstechnisch lande ich jedes Mal mit ihm in einem verregneten Gartenhaus-Urlaub.
Zusammen mit einem Zeichenblock mit schwarzen Blättern und einem Kassettenrecorder, in dem eine 90-Minuten Kassette läuft.
Immer wieder.
Aber das erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.

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