Anatoly Rybkin ist hager, leicht ergraut, eher zurückhaltend und, wie man so schön sagt, in sich ruhend.
Jeder Besucher der Ausstellung wird von ihm persönlich und mit einem breiten Lächeln begrüsst. Nein, deutsch spricht er leider nicht, bedauerlicherweise auch nicht englisch, nur russisch. Das ist seine Muttersprache, denn er stammt aus dem Bezirk Mariinsko-Posadsky, Republik Tschuwaschien in Zentralrussland.

„Ich habe Anatoly Rybkin bei einer Ausstellung in der Akademie der Künste in Sankt Petersburg kennengelernt,“ erzählt Dr. Nina Geling-Bouchon, „und ihn eingeladen, bei uns auszustellen.“

Dass dies eine gute Entscheidung war, zeigt schon der erste Blick auf die Portraits der Menschen aus Anatoly Rybkins Heimat.
Da stehe ich nun und schaue und finde jedes einzelne unglaublich faszinierend.
Sie fesseln mich mit ihrer ganz besonderen Ausstrahlung und ich finde, sie ziehen auch aufgrund ihrer Umgebung, in der sie dargestellt werden, in den Bann.
Jedes für sich nimmt gefangen, scheint zu vibrieren, zu schwingen und ein Geheimnis zu beinhalten, das es zu entschlüsseln gilt.
Eis und Schnee, Kälte, Licht, Dunkelheit, Einsamkeit…das sind die Zutaten, die in vielen seiner Portraits eine zusätzliche Rolle spielen.

Auf einem Bild kauert ein junges Pärchen in dicken Steppjacken und mit über die Ohren gezogenen Strickmützen eng nebeneinander unter den kahlen Ästen eines Baumes. Es ist dämmerig, im Hintergrund leuchtet diffuses Licht. Der Blick der Beiden ist offen, ernst und auch ein wenig verhalten.

Berührend auch das Bildnis einer Frau mit eingefallenen Wangen und über den Kopf geflochtenen Zöpfen, die im tiefen Schnee vor ihrem einfachen, schlichten Holzhaus steht, ernst und ruhig. Dicke Eiszapfen hängen vom Dach herab, alles ist in den Farben weiß, grau und braun gehalten, nur der grüne Schal, den sie gegen die Kälte um die Schultern gelegt hat, leuchtet grün und ist bestickt mit roten Rosen.

Ich bin sehr beeindruckt von all diesen besonderen Portraits, die jedes für sich beim genauen Hinsehen eine ungeahnte Vielschichtigkeit und Emotionalität entfaltet.

„Als ob nicht ein, sondern zwei Menschen sich bei mir an ihre Kindheit erinnern,“ so erzählt Anatoly Rybkin, übersetzt von Dr. Nina Geling-Bouchon, „einer stolperte, fiel hin, bekam blaue Flecken am Kinderkörper, schluckte die Tränen der Hilflosigkeit und der Ungerechtigkeit. Für den zweiten Menschen in mir heute schwimmt meine Kindheit in der Pracht des Sonnenlichtes mit Feldblumen. Dort sind dicke weiße Wolken, Vogelkirschen duften, Stimmen der Freunde, Antlitze von Verwandten.“

Bevor ich gehe, bekomme ich als Geschenk noch einen Katalog und als ich einen Kugelschreiber aus meiner Tasche krame und um eine persönliche Widmung bitte, setzt sich Herr Rybkin hin, lässt sich meinen Namen buchstabieren und schreibt etwas hinein, was ich bis heute nicht entziffern kann.