„Komm, wir gehen hinein. Kann ja nicht schaden,“ sagt die resolute Dame, die neben uns in dem kleinen, verschlafenen Bahnhof von Åndalsnes am Isfjord steht und rückt ihren Trekking-Rucksack zurecht. Sie zieht ihren ein wenig widerstrebenden, bärtigen Mann hinüber zu dem alten, knallroten Waggon, der ein paar Schritte abseits steht.
Hier findet man etwas Außergewöhnliches vor.

Denn an der Längsseite des Waggons steht weißen Lettern „Togkapellet“ geschrieben, eine blumengeschmückte Treppe führt zu dem Eingang, über dem sich ein Kreuz befindet. Innen bilden Eisenbahnschwellen den Altar, Bibeltexte zieren die Wände.
Eine Kapelle? In einem alten Zugabteil?

Ja, denke ich, das macht bestimmt Sinn. Denn sicherlich möchte so mancher, bevor er sich auf die wilde, abenteuerliche Strecke hinauf in die senkrechten Bergmassive macht, noch einmal Stille und Frieden finden. Vielleicht sogar um Beistand bitten. Wer weiß?

Kurze Zeit später gleitet gemächlich ein schnittiger, moderner, silbrig-roter Zug heran, dessen gemütliche Sitze einladende Behaglichkeit ausstrahlen.
Wir finden entspannt einen Platz in der vorletzten Reihe, in Fahrtrichtung und auf der Seite mit der besseren Aussicht (rechts). Einen Logenplatz sozusagen.
Ich weiß, es gibt Menschen, für die kann eine Bahnfahrt nicht schnell genug vorbei sein. Für diese muss es ein ICE, TGV, Shinkansen oder ähnliches sein.
Aber hier wären sie falsch, denn hier ist es ganz anders.
Hier fahren wir mit gedrosseltem Tempo, so dass uns immer wieder genügend Zeit zum Staunen bleibt, wenn uns die Waggons der 1924 eingeführten Eisenbahnlinie mit durch die mystisch schöne Landschaft nehmen und an den zahlreichen, natürlichen Sehenswürdigkeiten vorbei ruckeln.

Der Himmel gibt wieder Vollgas und erstrahlt in dem schönsten, wolkenlosen Blau und in einer Klarheit, die mich immer wieder begeistert.
Rechter Hand können wir lange Zeit aus verschiedenen Perspektiven den teilweise schluchtartigen Verlauf des wild sprudelnden Flusses Rauma bestaunen, der für seine schmackhaften Lachse bekannt ist.
Das Mädelsquartett auf der anderen Gangseite kramt Käsebrote aus den Rucksäcken, dazu Smartphones, Zimtschnecken und Salatgurken.
Eine von ihnen zeigt auf einen Flecken Grünland und einen felsigen Wanderpfad neben den Gleisen und fragt: „Habt ihr die Rentiere gesehen?“
Nein, niemand hat sie gesehen.
Ich auch nicht.
Wir halten zwischenzeitlich Ausschau nach den Sportfischern, die hier einen Traumort vorfinden und auf den spannenden Moment warten, einen Lachs an den Haken zu bekommen.
Und soll der berühmtester Besucher in dieser Hinsicht nicht sogar Prinz Charles of Wales sein?

Auf dem Weg hinauf genießen wir das sich ständig verändernde, atemberaubende Panorama und bemerken, dass sich das feine Spiel von Stimmung und Licht verändert.
Das einzigartige Blau verwandelt sich allmählich in ein lichtes Grau, sanft und still.

Wir überqueren eine Brücke nach der anderen, insgesamt sind es 32 Stück. Unter anderem die Steinbrücke „Stuguflåtbrua“, die über eine tiefe enge Schlucht führt, auf deren Grund die Rauma über Felsen schäumt und tost, oder die imponierende, 1913 erbaute Eisenbahnbrücke „Kylling Bru“, genannt „Ein Tigersprung aus Stein“.

Wie können die Schienentriebwagen den großen Höhenunterschied schaffen? Das frage ich mich.
Und erfahre im Prospekt die Antwort: Um die Steigung zu bewältigen, gibt es einen 1340 m langen Tunnel, den „Stavem Vendetunnel“.
Hier beschreibt der Zug eine 180 Grad Schleife durch das harte Felsgestein, nur um in entgegengesetzter Fahrtrichtung wieder aus dem Tunnel zu erscheinen – 19 Meter oberhalb der Strecke, auf der er in den Tunnel hineinfuhr.

Und weiter winden sich die Gleise an steilen Berghängen hinauf. Wasserfälle prasseln von den Bergen, die „Sieben Schwestern“ sind der bekannteste.
Es gibt zeitweise nur wenige Bäume, hauptsächlich Kiefern und Birken, und Büsche in den schönsten Variationen, dazu viel Weitblick.
Überall.

An der berühmten Felswand „Trollveggen“, Europas höchster, lotrechter Steilwand steigen wir aus.
Und staunen.
Die spektakuläre, schroffe Felswand ragt 1800 Meter über die Talsohle. Der senkrechte Teil der Wand ist bis zu 1000 Meter hoch und hängt bis zu 50 Meter über.
Nichts für Menschen mit Höhenangst.
„Die Trollwand selbst galt lange Zeit als unbezwingbar,“ lese ich an einer Infotafel, „erst 1965 gelang es einem Team, die Wand zu durchsteigen.“
Und ich lese auch viele Namen auf einer mannshohen schwarzen Marmorwand, Namen von zahlreichen Kletterern, die hier tödlich verunglückten, und Namen von Basejumpern, jungen Männern, die von den Felsen direkt in den Tod sprangen……Pavel, Jan, Rune, Hans, Tommy, Andre…

Und weiter winden sich die Gleise an den steilen Berghängen hinauf.