Das Morgenlicht ist unglaublich klar und strahlend, der Himmel stahlblau, salzig die Luft und es riecht nach Fisch. Der Fjord glitzert wie ein Spiegel. Wir schauen auf Felsen und Fjell, Meer und Schärengarten, Boote und Schiffe.
Über uns kreischen Möwen. Wir gehen durch einen magischen Moment.

Denn Bergen, so las ich, gehört zu den Städten, in denen es durchschnittlich an 250 Tagen im Jahr regnet.
Aber heute nicht.
Heute blenden die Scheiben der Fenster, blitzen die Gläser auf den Tischen, Stühle werden vor Cafes gestellt und ein blondes Mädchen mit Ponyfrisur und Ringelpullover schleckt an einer riesigen Eistüte.
Langhaarige Lederjackenträger und silberhaarige Damen in bohemienhaften Strickcapes sitzen einträchtig vor den bunt bemalten, traditionellen Holzhäusern, trinken Kakao, der aus echter Schokolade gemacht wird und essen dazu Muffins mit Blaubeeren oder Zimtbrötchen.

Ich ziehe meinen blauen Anorak aus und schiebe die Sonnenbrille über die Augen. Begleitet von der frischen Brise vom Meer schlendern wir durch die schmalen Gassen und engen Passagen der Altstadt Bryggen, in denen die mittelalterlichen, schiefen Häuser so eng beieinander stehen, dass man meint, von überall her das Knirschen und Knacken des Holzes zu hören.
Es riecht nach feuchter Tanne und Harz. Dicke Balken, schmale Brücken, wackelige Treppen und Leitern verbinden die historischen Gebäude miteinander.
In den Hinterhöfen verbirgt sich ein fast unübersichtlichtliches Labyrinth aus Lagerräumen, Fell- und Ledershops.
Die überhängenden, krummen Balkone schaffen eine noch dunklere und mysteriösere Atmosphäre
Aus einer Bar mit Rentierfellen an den Wänden und auf den Hockern klingt Pattie Smith.
Zwei Gäste sitzen dort im orangenen Schummerlicht vor Goldrandtassen, einer liest Zeitung, der andere blättert in einem dicken Buch.

Ich möchte auf jeden Fall gerne in die „Bergen Kunsthall“, die nur ein paar Ecken weit entfernt ist.
Aber vorher schaue ich mir in den vielen kleinen, liebevoll dekorierten Läden selbst gestrickte Mützen und Norwegerpullover an, blättere durch CDs von norwegischen Bands, lache über steinerne Trolle, bewundere Hirschgeweihe, Fotos von Eisbergen und staune über Zinnfadenstickereien.

Dann spazieren wir hinüber zum geschäftigen „Fisketorget“, auf dem die Fischer hier den Fang des Morgens frisch verkaufen.
Wir mischen uns unter das bunte Gewimmel.
Meeresdelikatessen, wohin das Auge schaut: Krabben, Garnelen und Fischbrötchen aller Art, lebendige Königskrabben, Krebsscheren, Taschenkrebse, Trockenfisch, Lachs in den verschiedensten Variationen und Seeigel.
Muscheln und Austern nicht zu vergessen.
Und ja….auch Walfleisch.

Ein hünenhafter Thor, die langen blonden Locken zum Dutt geschlungen, sortiert riesige Krebsscheren in ein Eisbett.
Sein Kollege, ein dunkelhaariger Wikinger mit Bart, rührt in einer großen, dampfenden  Eisenpfanne, wirft gekonnt Fischstücke, Zwiebeln und Kräuter hinein. Erwartungsvoll steht ein japanisches Touristenpaar daneben und schaut zu, wie die appetitlichen Heilbuttscheiben Farbe annehmen.

„Oh ja,“ sage ich, „das wäre doch was.“ 
Ich höre meinen Magen knurren, schaue noch ein wenig hier und dort an den Ständen herum, überlege ob ich „Røykfylt kamskjell“ oder doch lieber ein Stück „Fritert torsk fra Lofoten“ wählen soll und entscheide mich dann letztendlich für eine Portion Smørrebrød mit dicken duftenden Scheiben geräuchertem Lachs.
Hmmm…herrlich…
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