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„164 Stufen,“ sagt der junge Mann im Kassenhäuschen und setzt dann hinzu: „Es gibt keinen Aufzug. Wollen Sie trotzdem?“ er schaut erwartungsvoll.
„Klar,“ sage ich.
Denn sollten mich 164 Stufen davon abhalten, bis ganz nach oben auf die Aussichtskanzel des Leuchtturms zu steigen? Natürlich nicht.

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Der Blick von oben ist unendlich.
Unendlich und unveränderlich.
Eine graue, stille Ostsee unter einem blassen Himmel. Ein Streifen feuchter Asphalt, der durch hohes grünes Gras und Brombeerhecken führt.
Neben uns der 20 Meter hohe, viereckige Backsteinbau, der 1826 von Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde und in dem heute ein Standesamt kuschelige Gastlichkeit bietet.

Ein Trampelpfad reicht bis zu einem kleinen Hügel mit Strandgräsern und windgepeitschten Büschen, aus dem Dutzende von Lüftungsrohren ragen.
Diese waren für die beiden weitläufigen unterirdischen NVA Bunker vonnöten, die am Tag der Wiedervereinigung stillgelegt wurden.
Man kann sie besichtigen. Aber nicht immer.
Das Gestern ist am Kap Arkona immer noch das Heute, denn dieses Flächendenkmal lebt von den Zeugnissen vergangener Tage.
Und natürlich von den Kulturtouristen, die diesen Ort besuchen.

Früchte von schwarzem Holunder drücken sich gegen Bretterwände. Birken und Kiefern überwuchern verfallene Treppen, Efeu windet sich um morsche Zaunlatten.
Inmitten von hüfthohen Brennesseln entdecken wir ein altes, bemoostes Rettungsboot.
Wir schauen hinunter auf die kleine Bimmelbahn, die gerade nach Putgarten aufbrechen will.
Sie sammelt vor dem Imbiss ein paar Wanderer in Regenjacken ein.

Über den Wiesen und Feldern im Landesinneren ziehen Vögel weite Kreise und erfüllen die Luft mit düsteren Schreien.

Langsam vertreibt die Sonne den milchigen Schleier, der in Fetzen über allem liegt.
Und dann erscheint er, ein halber Regenbogen, ein Farbtorbogen, das Heilsversprechen, das Wolkenhimmel und Erde verbindet.
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