Finnland oder Schweden?
Keines von Beiden.
Denn Åland, zwischen Stockholm und Turku am Bottnischen Meerbusen gelegen, ist autonom. Mit eigener Flagge (ein rotes Kreuz auf gelbem Kreuz mit blauem Hintergrund), mit eigenen Briefmarken, eigenem Autokennzeichen, einem eigenen Steuersystem und, ja, auch eigener Web-Domain (.ax).

Und mit Inseln, überall Inseln, Inseln, wohin man auch schaut. Über 6.700 sollen es sein. So ungefähr.
Auch eine Hauptstadt fehlt nicht: Mariehamn.
Ein klitzekleines, properes Städtchen ist das, welches auf einer schmalen Landzunge zwischen zwei Meeresbuchten liegt. Und darum hat diese winzige Hauptstadt auch zwei Häfen. Nämlich Västerham im Westen und Österham im Osten.

Knapp 11.000 Menschen leben hier. Eine andere Stadt gibt es nirgendwo auf Åland. Nur noch verstreute Ansiedlungen, Weiler und Mökkis, das sind die hübschen Wochenendhäuschen, an Seen und auf Inselchen.
Ja, hier hat man es leicht, es auf seine eigene Art ruhig angehen zu lassen.

Die Luft ist kalt, frisch und voller Sauerstoff. Von Westen her stiehlt sich die Sonne durch die Wolken und beleuchtet den roten Bogen des Fährschiffs. Das Thermometer zeigt vier Grad plus. Ich ziehe meine Kapuze über den Kopf.

Zuerst schauen wir uns ein wenig im Hafen Västerham um, bei böigem Wind und mit tanzenden und kreischenden Möwen um uns herum.
Eine Familie von Gänsen mit roter Blesse auf der Stirn riffelt das Wasser und beim Weitergehen sehe ich weitere Gänse neben einer Pfütze stehen. Sie lassen sich  von uns  nicht stören.

Wir biegen in die stille Straße ein, die in die Stadt führt. Der rote Granit, Rapakivi, gibt überall dem Asphalt und dem Schotter seine charakteristische rosa Farbe.
Gemütlich schlendern wir vorbei an roten, hellgelben oder arktisch blau gestrichenen Holzhäusern, in deren Gärten Ebereschen, Buschwindröschen und Unmengen von Schlüsselblumen wachsen.
Ein hagerer Mann mit einem wunderschönen Kranz weißer Löckchen stapelt ordentlich  Holzscheite neben einem ergrauten Schuppen. Windstöße heben seine Jacke an und geben den Blick auf eine gestreifte Trachtenweste frei.
Zwischendurch bewundern wir immer wieder die prächtigen, alten Holzvillen mit ihren kunstvollen Erkern, Türmchen und aufwendig verzierten Balkonen, die eine wahre Augenweide sind. Viele von ihnen sind von Hilda Hongell, eine der ersten weiblichen Architektinnen, auf den Ålandinseln erbaut worden.

Im Självstyrelsegården bleiben wir vor Ålands Zentrum der Macht stehen. Hier liegen das moderne, cool und chic gestaltete und mit weißem Marmor verkleidete åländische Parlament, die Landschaftsregierung, das schöne Rathaus aus den 30er Jahren und das Gebäude der Staatlichen Ämter.

Während wir noch überlegen, wie es möglich sein kann, dass eine so kleine Nation ein so derart weitgehendes Selbstverwaltungsrecht hat, fängt es ganz sachte an zu schneien.
Moment mal… Schnee?
Es ist doch Mitte Mai!

„Ja, bei uns ist erst Ende Mai der Winter vorbei,“ lächeln die beiden Damen in der Touristeninformation.
Sie sind in farbenprächtig gemusterte Wollpullover gekleidet, einer schöner als der andere. Vor ihnen stehen bemalte Tassen mit dampfendem Tee und Teller mit runden Keksen.  Heidelbeerkekse, wie ich erfahre, denn  die sind ein Balsam, für und gegen alles.

Schon bald haben wir einen Stadtplan in der Hand, einen Wanderführer, das Angebot der Mariehamnsbussen und dazu noch eine Empfehlung für das Sjöfartsmuseum, welches von der bewegten, maritimen Geschichte und Gegenwart erzählt.
Und ob wir uns vielleicht für Geocaching interessieren? Oder für Handwerk?

Wir nicken, gehen aber zuerst einmal in das neu gestaltete kunsthistorische  Museum von Åland . Durch die chronologische Einteilung erfahren wir eine Menge über den Verlauf der Geschichte von den ersten Robbenjägern, die an einigen kargen Inseln an Land gingen bis hin zur heutigen globalen und multikulturellen Gesellschaft.

Ja, denke ich, als wir das Museum nach kurzweiligen zwei Stunden wieder verlassen, es ist richtig, was Kurt Tucholsky sagte. Aber sowas von richtig. Er sagte nämlich:

„Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie Dir an“ (Kurt Tucholsky)

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