In den 40er und 50er Jahren  gehörte Wolfgang  zu den häufigsten Vornamen und nahm oft einen Spitzenplatz ein. Kein Wunder, dass ich in meiner Serie „Jünger und älter“ nun bereits den zweiten Wolfgang portraitieren durfte. Über Wolfgang Nr. 1 habe ich hier ( bitte klicken) berichtet.

Das Foto, das mir als Vorlage für dieses Portrait diente und auf dem Wolfgang Nr.2  in einem von der Mutter selbstgestrickten Wollpullover und mit Ranzen auf dem Rücken zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1957.  Der Pullover kratzte fürchterlich, denn die Wolle stammte aus einem alten aufgeribbelten Janker des Opas. Wolfgang war damals sechs Jahre alt und sehr stolz darauf, endlich zur Schule gehen zu dürfen.

Was seine Interessen anging, so waren diese, so hörte ich, ziemlich vielfältig. Aber in erster Linie waren es Autos, die ihn überaus faszinierten. Ja, er konnte sogar  die damals beliebten Automarken an ihrem Motorgeräusch erkennen. Hörte er zum Beispiel ein „Brrrrrrrembrrembremmm…palempalem“ aus der Ferne, so wußte Wolfgang sofort, dass das nur ein Lloyd sein konnte. Somit war auch ganz klar, dass seine Sammelleidenschaft den kleinen Wiking-Autos galt. Denn die waren damals heiß begehrt und einfach toll.

„Natürlich hatte ich nur eine sehr überschaubare Anzahl dieser Autos,“ erzählt Wolfgang, „denn bei uns war das Geld immer ziemlich knapp. Ich überlegte also, was ich tun könnte, um zum Beispiel einen dieser fantastischen Feuerwehr – Leiterwagen  meiner Wiking-Sammlung hinzufügen zu können. Mein Patenonkel, der einen uralten Mercedes 170 mit riesigen Kotflügeln fuhr, hatte eine Idee. Er schlug mir vor, dass ich einmal in der Woche seinen Wagen waschen dürfte. Dafür würde ich jeweils eine Mark bekommen. Schnell rechnete ich mir aus, dass ich ungefähr zweieinhalbmal das Auto waschen müsste, um mir ein solches Wiking-Modell kaufen zu können. Ohne lange nachzudenken ging ich auf diesen Deal ein. Und wenn ich noch einen weiteren „Kunden“ hätte, so ging es mir durch den Kopf, ginge das alles ja noch viel schneller. “

Aus diesem Grund habe ich als Hintergrund zwei der Favoriten, die damals auf den Straßen unterwegs waren, gezeichnet. Und zwar einen Brezel-Käfer, den man so nannte, weil er ein kleines, zweigeteiltes Heckfenster mit Mittelsteg hatte, das entfernt an eine Brezel erinnerte und dann noch einen VW Bulli mit großen VW Emblem, den man als Kleintransporter, Werkstattwagen oder Bus nutzen konnte. Ganze Familien samt Verwandtschaft wurden damit von A nach B befördert und außerdem war er ein prima Campingmobil.

Auf der rechten Seite ist ein Text von Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) zu lesen: „ Das Kind sei so frei es immer kann. Lass es gehen und hören, finden und fallen, aufstehen und irren.“

Und, mag man sich jetzt vielleicht fragen, was ist dann später aus Wolfgang geworden? Hat er einen Beruf gewählt, der mit Autos zu tun hat? Kfz-Mechatroniker vielleicht oder Fahrzeuginformatiker oder Automobilkaufmann? Führte er einen Kfz-Betrieb oder eröffnete er ein Autohaus?
Aber nein. Wolfgang ist später Arzt geworden.
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Das obige Portrait von Wolfgang habe ich von Hand gezeichnet. Dafür habe ich einen alten Montblanc-Füller, schwarze MontBlanc-Tinte, Faber-Farbstifte und einen weißen PITT-Pastellstift benutzt. Das Portrait gibt es in einem quadratischen, mattweißen Passepartout und es ist dann insgesamt 30 x 30 cm groß.
Wer mag, der kann zur Großansicht bitte auf das Bild klicken.