panamawaldhalbDer Zug ist schon alt. Ziemlich alt sogar. Er stammt aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Aber er ist wunderbar in Schuss.
Perfekt restauriert mit glänzend poliertem Holz, antiken Lampen, deren grüne Glasschirme schimmern, und mächtigen Leder-Fauteuils.

Da die Panama Railway die einzige Zugverbindung des Landes ist, die auch Passagiere transportiert, haben wir uns Tickets für die Fahrt von Cristobal am Atlantischen Ozean nach Estación de Corozal am Pazifik gekauft.
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Wir sitzen in den bequemen Sesseln in dem heruntergekühlten Waggon und schauen durch die großen Fenster auf das dichte Grün des tropischen Regenwaldes.
Immer wieder öffnet sich der dichte Vorhang und gibt den Blick frei auf den Gatún-See, über den die riesigen Frachter gleiten, die zuvor die Schleusen des Kanals passiert haben.
Vom Zug sieht es fast so aus, als wären die Containerschiffe irrtümlich im Wald gestrandet und versuchten nun hartnäckig, sich durch den Dschungel zu pflügen.
An einigen Stellen gleitet aber auch der Zug mitten durch den See dahin, nämlich auf einem Damm knapp über der Wasseroberfläche.
Am Ufer stehen Ibisse, große Vögel mit hellrosa Füßen und gelbgefiedeter Brust, die melancholische Schreie ausstoßen.

Ein quietschender Servierwagen wird von einem stolzen jungen Schwarzen mit geschorenem Haar, der ungewöhnlich groß und von einer etwas altmodischen Höflichkeit ist, durch den Mittelgang geschoben.
Ein schmaler blauer Streifen läuft an seiner grauen Hose entlang. Das Hemd ist weiß und akkurat gebügelt.
Seine gepflegten Finger huschen über die angebotenen Snacks und Getränke, öffnen Cola-Flaschen oder Cerveza Balboa, heben den Deckel vom Eiseimer und blättern durch Chips- und Studentenfutter-Tüten.
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An einem mit Erdnussschalen übersäten Nachbartisch sitzt eine Familie. Die Eltern unterhalten sich über einen gewissen Mr. Gustavo Mc.Lennan, der nach Panama City gezogen ist, um zu prüfen, ob es Möglichkeiten für den Aufbau einer Fitnesskette gibt.
„Leben hier eigentlich auch wilde Tiere?“ höre ich den Sohn fragen, einen etwa Neunjährigen mit einer Stupsnase, die aussieht, als hätte er sie zu oft in etwas gesteckt, das ihn nichts anging.
Er spielt mit den Erdnussschalen.
„Jaguare gibt es hier und eine Menge Affen“, erklärt der Vater und kramt ein Fernglas aus den Tiefen seiner Segeltuchtasche, „Faultiere gibt es auch. Schau mal, ob du welche entdeckst.“
Der Junge ist dann für eine gewisse Zeit beschäftigt.

Der Nationalpark Soberanía, durch den wir fahren, ist ein gigantisches Naturschutzgebiet mit Bäumen, die so überwuchert sind mit Lilien, Bromelien und anderen Orchideen, dass man sie kaum noch als Bäume bezeichnen kann.
In einer Mulde mit Jacaranda und imposanten Kokospalmen, bei einem zusammengefallenen Gebäude, da registriere ich eine Bewegung zwischen den Zweigen.
Nichts Genaues, nur ein hastiger Eindruck von etwas, das auftaucht und wieder verschwindet.
Ein Nasenbär? Ein Gürteltier? Oder gar ein Ozelot?

palmenrosiehalbNirgendwo sonst auf der Welt gibt es auf so engem Raum einen derartigen Reichtum an Tier- und Vogelarten, wie hier in den Wäldern rund um den Stausee.
Ich lehne mich in dem wuchtigen Ledersessel zurück, betrachte die stillen Lagunen und die Bäume, die ihre Zweige fast hinein tauchen, schaue auf das blaue Wasser des Gatun Sees und auf die Frachter, die ruhig auf der Wasseroberfläche dahinziehen.

Ja, denke ich, man sollte dort sein, wo man sich befindet, in Zeit und Raum.
Denn niemals ist besser als jetzt.