SandrinehalbManche Kinder mögen nicht lange still sitzen. Auch wenn sie zuerst begeistert sind von der Idee, gezeichnet zu werden, finden sie es schwierig, eine Zeitlang die Position zu halten. Über kurz oder lang möchten sie dann doch lieber wieder etwas anderes tun.
Ich denke dann immer an eine Situation in meiner Kindheit: meine Tante Charlotte, die damals gerne Portraits zeichnete, bat mich einmal, ihr Modell zu sitzen. Sie hatte kein Atelier, sondern malte in ihrer großen, weiß gestrichenen Wohnküche. Ihre Idee war, dass ich mich auf den alten Küchenstuhl setzen und mein Gesicht halb zum geöffneten Fenster drehen sollte.

Während ich den Stift über das Papier kratzen hörte, wagte ich nicht, mich zu bewegen. Ich glaube, ich hielt sogar zeitweise die Luft an. Meine Tante erzählte mir Geschichten aus ihrer Mädchenzeit im Riesengebirge und davon, dass die Augen in einem Portrait das Wichtigste seien. Da sie sehr charakteristisch wären, könne man eine bestimmte Person oft alleine an ihren Augen erkennen. Darum würde man manche Personen in Zeitschriften mit einem schwarzen Balken über den Augen unkenntlich machen.
Zwischenzeitlich war mein Bein eingeschlafen, das Ohr juckte und eine Pferdebremse umschwirrte mich. Ich wünschte, die Tante würde bald fertig sein, aber ich hielt eisern durch, bis die Zeichnung vollendet war. Sie war wunderschön, daran erinnere ich mich genau. Leider habe ich sie nicht mehr und ich weiß auch nicht, wann und wo sie mir verloren gegangen ist.
*
Das obige Portrait ist gezeichnet mit MontBlanc-Tinte, Faber-Farbstiften und weißem PITT-Pastellstift auf Hahnemühlepapier und ist ca. 20 x 20 cm groß. Zur Großansicht bitte auf das Bild klicken.