PierrehalbAls ich ein Kind war, gab es in unserem Haushalt lange keine Fotokamera. Ich erinnere mich, dass mein Vater bei besonderen Gelegenheiten unseren Nachbarn, der eine Agfa Clack besaß, bat, einige Fotos zu machen. Ich glaube, das war einer von mehreren Gründen, warum ich schon im zarten Alter versuchte, Portraits zu zeichnen. Es gab ein Foto von meiner Cousine, die an ihrem ersten Schultag mit der Zuckertüte im Arm vor dem Schultor steht. Es regnete in Strömen, deshalb hielt meine Tante einen Schirm über sie. Dieses Foto gefiel mir nicht, denn ich sah etwas anderes.

Also nahm ich ein Blatt Papier und zeichnete die Situation neu: meine Cousine mit der Schultüte, dazu meine Tante ohne (!) Schirm und im Hintergrund statt des alten Schulgebäudes eine Wiese voller großer Tulpen, dazu ein knallblauer Himmel mit einer Sonne und Libellen, die umher flogen.
Ich hatte etwas dargestellt, was ich nicht sah. Sondern was ich gefühlt habe.
Und so gehe ich beim Zeichnen heute auch noch vor. So wie z.B. hier bei dem Portrait von Pierre. Der Hintergrund sieht anders aus, als eine Landschaft mit Apfelbaum und Wiese in der Realität aussieht. Und auch in dem Gesicht von Pierre habe ich versucht, in dem Sichtbaren auch das Unsichtbare zu zeigen. Nämlich das, was ich fühle, wenn ich ihn ansehe.