Yoga2halb
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Nein, die Mutter der E. sieht ganz und gar nicht wie über siebzig aus. Eher wie die Gesundheit in Person. Kurz und sehnig, mit einer großen Menge schulterlangen, grauweißen Haares, und mit einem Paar Augen in dem grob geschnittenen Gesicht, die sie von einer Vierzehnjährigen gestohlen zu haben scheint.

„Yoga,“ sagt sie, „das ist das halbe Geheimnis. Ich habe damit nach dem Tod meines Mannes angefangen und später keinen Grund gesehen, damit aufzuhören. Jeden Tag fünfundvierzig Minuten, und ich bin heute gelenkiger, als ich es bei meiner Konfirmation war.“
Ich nicke, denn das könnte ja möglich sein.
„Und was ist die andere Hälfte des Geheimnisses?“ frage ich.
Die Mutter der E. lacht und zupft an ihren Perlenohrringen.
„Na, was glaubst du wohl? Ein Mann natürlich…keine feste Beziehung, nein, aber wir treffen uns ab und zu. Das ist irgendwie zu einem wichtigen Punkt in meinem Dasein geworden. Mein Gott, so alt, wie ich bin, da ist es wahrlich an der Zeit, dass man so einiges anfängt zu begreifen. Wie wäre es mit einem Dunkelbier und einem Käsebrot für euch beide?“
„Bring lieber einen Calvados,“ sagt die E. und lässt sich stöhnend in den Sessel fallen, „oder zwei. Ich hab`s nämlich im Rücken. Und bring dazu einen schwarzen Kaffee und ein paar Stücke von diesem Weihnachtskuchen, diesem Hans oder wie der heißt.“
„Hermann,“ sagt die Mutter und wirft einen prüfenden Blick auf die E., „der Kuchen heißt Hermann. Übrigens,“ setzt sie dann mit einem Hauch sanfter Ironie in der Stimme fort, „kenne ich eine durchaus überzeugende Yogaübung, die besonders für Leute mit steifen Lendenwirbeln und zu kurzen, hinteren Oberschenkelmuskeln geeignet ist. Sie ist ganz einfach. Ich kann sie euch nachher mal zeigen.“
Und das tut sie dann auch.
Und zwar nicht erst nachher, sondern sofort.