Hirschhalb
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Es ist ein großer Rothirsch. Er hängt kopfüber im Wasser. Fast sieht es aus, als hätte er sich bei einem Kopfsprung mit seinem gewaltigen Geweih verfangen.
„Wahrscheinlich ist er beim Äsen am Ufer abgerutscht,“ sagt die E., die die Hände in die Hosentaschen gesteckt und die Schultern hochgezogen hat, als fröre sie.
„Oder etwas oder jemand hat ihn beim Äsen ins Wasser gejagt,“ sagt der jüngere der beiden Männer, die die Forstverwaltung geschickt hat, und bohrt seinen Blick in uns,  „was sonst hatte er hier zu suchen?“

Ich versuche, ihm zu erklären, dass der Hirsch schon im Wasser lag, als wir hierher kamen. Und das es aussieht, als wäre er schon länger dort.
„Wir haben nichts damit zu tun,“ sage ich, zu dem Älteren gewandt,  „wir haben ihn ja nur gefunden.“
Aber es ist nicht zu übersehen, dass dieser, ein mürrischer Kerl mit einer kräftigen Schweißausdünstung, tief in Überlegungen versunken ist und nicht gestört werden will.
„Vermutlich hatte er sich im Schilf und dem Gestrüpp verfangen und sich bei seinen Befreiungsversuchen immer mehr in den Ästen verstrickt,“ sagt die E.
Sie wirft mir und dem Jüngeren einen beifallheischenden Blick zu: „Wahrscheinlich hat er gekämpft, bis er ertrunken war.“
Ich nicke zustimmend.
„Mit Sicherheit nicht,“ knurrt der Mürrische und holt sein iPhone aus der Jackentasche, „in der Decke sind zwei Löcher mit ungefähr 8 und 15 cm Durchmesser. Wahrscheinlich Ein- und Ausschusslöcher. Da muss die Polizei her.“
„Die Polizei?“ wundere ich mich.
„Genau die,“ wiederholt er und nickt zu dem Kadaver hin, „ das was nämlich hier los ist, ist kein Spaß. Das ist Jagdwilderei.“
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Für das Foto bedanke ich mich herzlich bei Ralf Pfeiffer!
http://ralfpfeiffer.wordpress.com/