WalrafhalbDie S. ist mittlerweile eine ziemlich kräftige Frau in den Sechzigern.  Ich erkenne sie sofort, obwohl ich sie ungefähr fünfzehn Jahre lang nicht gesehen habe.  Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihr Gesicht nicht zu den alltäglichen gehört. Ganz und gar nicht.
Sie hat dichtes kupferrotes Haar, das mit Hilfe eines dünnen limonenfarbenen Schals zu einer Art Ananasfrisur hochgebunden ist. Dazu markante Züge und grüne Augen in einem Ton, der mich an das Salzwasseraquarium in Lissabon denken lässt. Sie ist gekleidet in eine unbekannte Anzahl bunter Stoffschichten, mit Gesundheitssandalen, einer großen Holzkugelkette und einer aus dickem Leder geschnittenen Umhängetasche. Man kann sich nur sehr schwer vorstellen, dass sie in fünfzehn oder zwanzig Jahren einen Platz in einer Art Altersheim oder einer ähnlichen staatlichen Institution finden würde. Sehr schwer.
Sie steht zehn Meter von mir entfernt im Wallraf Richartz Museum. Seit ein paar Minuten schon schaut sie nachdenklich auf die Klecksographie „Schmetterling mit Gedicht“.
Ich gehe hinüber zu ihr.
„Sei gegrüßt,“  sage ich, „hey…wie schön, dich zu sehen.“
Sie dreht sich herum, sieht mich zwei Sekunden lang an und dann umarmt sie mich, als hätten wir uns erst gestern zuletzt getroffen.
„Meine Güte…,“ ruft sie und lacht laut.  Sehr laut.