Steine2halb
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Sie kommen durch den kurzen Flur direkt in das Wohn-Arbeitszimmer, er uralt und gebrechlich, sie klein und stämmig, mit spitzer Höckernase und neugierigem Blick, den sie über uns gleiten lässt.
Die Frau scheint Ende sechzig zu sein. Sie trägt hohe schwarze Lederstiefel und einen dicken braunen Wintermantel, der bis an die Stiefel herunterhängt, so dass sie aussieht wie eine kleine Glocke mit einem langen Klöppel.
Sie schiebt den Rollstuhl geschickt vor sich her.

Der uralte Mann darin ist noch ein ganzes Stück weiter an Jahren fortgeschritten als der alte Mann, auf dessen Sofa wir sitzen.
Weißes Haar ist unter dem Hut zu sehen, das hagere Gesicht ist leichenblass. Er sitzt gekrümmt, hat einen gestreiften Schal um den Hals, und seine weißen knochigen Hände schauen aus den Ärmeln seines schwarzen Mantels hervor.
Mit der einen Hand umklammert er einen kleinen Topf mit einer gelben Primel, mit der anderen eine Pappkiste, die wie ein Schuhkarton aussieht.
Eine dicke schwarze Hornbrille vergrößert seine Augen, so dass sie an Fischaugen erinnern.

Die Frau rangiert den Rollstuhl an den Tisch und stellt ihn mit der Bremsvorrichtung fest.
Der alte Mann blinzelt aufgeregt: “Hast du sie mitgebracht?“ fragt er äußerst munter und bemüht sich, seine Frage direkt an das offensichtlich nur auf der rechten Kopfseite funktionierende Ohr des uralten Mannes zu richten.
Dieser reicht ihm wortlos den Schuhkarton.

Die E. räuspert sich, als wolle sie etwas sagen, sie stößt mich in die Seite und wir schauen gespannt zu, wie der alte Mann beginnt, den Deckel von dem Karton zu fummeln.
Das scheint schwierig zu sein.
Wir beugen uns vor und versuchen, hineinzusehen.
Die Pappkiste ist randvoll mit sepiafarbenen, teilweise ruinierten Fotos und irgendwelchen Schriftstücken oder Briefen.

„Hört mal,“ sagt die Frau, stellt die benutzten Tassen auf das Tablett und die Primel mitten auf den Tisch, „kommt ihr Beide eigentlich bald mal zum Ende damit?“
„Womit?“ fragt der alte Mann und greift in den Karton.
„Mit eurem Kriegsbuch,“ sagt die Frau
„Mal sehen,“ sagt der alte Mann.
„Das ist niemals zu Ende,“ sagt der uralte Mann.