Steine
*
Die grauweißen Haare des Mannes sind über der hohen Stirn zur Seite gekämmt und er trägt einen Schlips unter der grauen Strickweste.
Seine Augen sind noch immer jung, obwohl sein Gesicht ansonsten so aussieht, als hätte es nicht nur den einen Weltkrieg erlebt. Sein Händedruck ist fest und warm.
„Ich habe gerade Kaffee gekocht,“ sagt er.
Wir gehen in ein winziges Wohnzimmer, das wie ein Arbeitszimmer eingerichtet ist. Auf dem Tisch steht ein angejahrter  Dell-Laptop, daneben liegt eine große Lupe. Überall häufen sich Papiere.  Auf dem Schränkchen und an der Wand entlang stapeln sich Zeitschriften und Bücher. Gesteinsbrocken in allen Größen und Farben liegen auf der Fensterbank.

„Ich habe hier noch keine richtige Ordnung,“ erklärt er und räumt uns einen Platz auf dem Chesterfield-Sofa frei.
Ich sehe mich um.  Keine Bilder an den Wänden, nur ein Panoramakalender vom Weltbild-Verlag mit Fotos von Steinlandschaften.
„Ich arbeite an einem großen Projekt, das hoffentlich mal ein Buch wird. Eine Kriegsgeschichte,“ sagt er, reicht uns einen klebrigen Aperitif eigener Herstellung und verschwindet hinter dem Vorhang, der die Kochecke abtrennt.
„Gibt es solche Bücher nicht bereits zur Genüge?“ fragt die E.
Der alte Mann kichert heiter: „Ja, das kannst du wohl sagen. Nur stimmt darin nicht alles. Und das hier handelt von meinem Krieg.“
Dann kommt er mit einem Tablett, auf dem drei Kaffeetassen bedrohlich klirren, hinter dem Vorhang hervor.
„Wahrscheinlich klingt es prätentiös,“ sagt er, „ aber wir Alten haben schließlich die Verantwortung, unsere Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Wir waren ja schließlich beteiligt.“
Er stellt das Tablett auf einen Fußschemel, der aussieht, als hätte ihn jemand aus einem Feuer gerettet.
Eine Weile sucht er zwischen den Papieren herum.
Dann liest er uns unter gewaltigen Gesten und mit lauter Stimme Passagen seines Manuskriptes vor, in denen er die geologischen Transformationen des Kaukasus beschreibt.

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